Ein kur­zer Blick auf un­se­re Ge­sell­schaft ge­nügt, um zu er­klä­ren, warum es die Linke Ak­ti­on Sie­gen gibt:

Wir leben in einer Ge­sell­schaft, in der Mas­sen mehr und mehr ver­elen­den, wäh­rend der Reich­tum einer in die­sem Sys­tem pri­vi­le­gier­ten Min­der­heit zu­nimmt. Die Kluft zwi­schen Arm und Reich wächst immer wei­ter und ba­siert auf Aus­beu­tungs­struk­tu­ren, die eine Form er­schre­ckend all­täg­li­cher Nor­ma­li­tät sind: Löhne sin­ken, mi­se­ra­bel be­zahl­te oder kurz­fris­ti­ge Be­schäf­ti­gungs­ver­hält­nis­se neh­men zu. Vie­len Ar­bei­ten­den reicht „nur“ ein Job nicht mehr, um über die Run­den zu kom­men. Mas­sen­ent­las­sun­gen sind an der Ta­ges­ord­nung. Die Angst um den Ar­beits­platz ist all­ge­gen­wär­tig.

Selbst fi­nan­zi­el­le Un­ter­stüt­zung durch den Staat macht eine ak­ti­ve Teil­nah­me an der Ge­sell­schaft längst nicht mehr mög­lich. Die kleins­ten Dinge des Le­bens, wie eine Fahrt mit Bus oder Bahn, ein Ki­no­be­such oder gar der täg­li­che Ein­kauf im Su­per­markt wer­den un­be­zahl­bar.

Mehr noch: Es ist ge­sell­schaft­lich ver­pönt ar­beits­los zu sein. Denn: In un­se­rer Ge­sell­schaft ist mit genug An­stren­gung an­geb­lich alles zu er­rei­chen. Und ein „Schei­tern auf dem Ar­beits­markt“ somit selbst ver­schul­det.

Doch das ist nicht alles:

Wir leben in einer Ge­sell­schaft, in der alle Le­bens­be­rei­che nach den Leis­tungs­kri­te­ri­en „Ef­fi­zi­enz“ und „größt­mög­li­cher Pro­fit“ ge­stal­tet und be­wer­tet wer­den. Neben Ar­beits­ver­hält­nis­sen und dem Schul-​ und Aus­bil­dungs­we­sen un­ter­lie­gen auch die Frei­zeit­ge­stal­tung sowie per­sön­li­che Be­zie­hun­gen zu­neh­mend die­sen de­sas­trö­sen Struk­tu­ren. Selbst das Ich-​Bild misst sich daran, wie viel ein Mensch zu leis­ten ver­mag. Die so pro­du­zier­te Le­benstaub­heit wird er­tränkt in Al­ko­hol und wo­chen­end­li­chen Es­ka­pa­den, die eine kurze Flucht aus den Höl­len des All­tags zu ver­spre­chen schei­nen – bevor es schon wie­der auf geht in ein Leben, das für we­ni­ge Stun­den zu ver­ges­sen ver­sucht wurde. Alle mög­li­chen For­men des Kon­sums wer­den ver­zwei­felt ge­nutzt, um in das Grau des All­tags ein wenig Farbe, Neu­heit und ver­meint­li­che In­di­vi­dua­li­tät zu brin­gen.

Wir leben in einer Ge­sell­schaft in der Dis­kri­mi­nie­rung und Aus­gren­zung an der Ta­ges­ord­nung sind. Ob nach se­xu­el­ler Ori­en­tie­rung, ge­fühl­tem Ge­schlecht, kör­per­li­cher oder geis­ti­ger Kon­sti­tu­ti­on, Haut­far­be, Her­kunft, eth­ni­scher Zu­ge­hö­rig­keit, etc. – es wird gna­den­los se­lek­tiert.
Ras­sis­mus be­schränkt und be­droht das Leben un­zäh­li­ger Men­schen. Er ist bis heute tief ver­wur­zelt im All­tags­den­ken und -​han­deln eines Groß­teils un­se­rer Ge­sell­schaft – be­wusst wie un­be­wusst. Vom schrä­gen Blick, über ras­sis­ti­sche Äu­ße­run­gen, bis hin zu kör­per­li­chen Über­grif­fen – Ras­sis­mus ist für viele Men­schen trau­ri­ger All­tag. An der Ta­ges­ord­nung sind für sie Frei­heits­be­schnei­dun­gen bei der Woh­nungs-​ und Ar­beits­platz­su­che, ras­sis­ti­sche Po­li­zei­kon­trol­len (das so­ge­nann­te ‚ra­ci­al pro­filing‘), bei denen sie al­lein auf Grund von ras­sis­ti­schen Zu­schrei­bun­gen Opfer der­ar­ti­ger Kon­trol­len wer­den, u.v.m. An der Ta­ges­ord­nung ist auch die Angst vor der Ab­schie­bung zahl­lo­ser ge­flüch­te­ter, asyl­su­chen­der Men­schen, die wegen ras­sis­ti­scher Son­der­ge­set­ze oft jah­re­lang in ab­riss­rei­fen Sam­mel­un­ter­künf­ten ein­ge­pfercht und in ihren Grund­rech­ten be­schnit­ten wer­den.
Dis­kri­mi­nie­rung auf­grund von se­xu­el­ler Ori­en­tie­rung und ge­fühl­tem Ge­schlecht ist eben­falls ein fes­ter Be­stand­teil des ge­sell­schaft­li­chen Han­delns und Den­kens. Angst und Be­frem­dung sowie Ab­leh­nung oder Über­grif­fe sind auch heute noch häu­fi­ge Emp­fin­dun­gen und Re­ak­tio­nen bei Be­geg­nun­gen mit Homo- und Trans­se­xu­el­len.
Auch Men­schen mit Be­ein­träch­ti­gun­gen aller Art pas­sen nicht in die Norm­vor­stel­lun­gen gro­ßer Teile un­se­rer Ge­sell­schaft und sind Ob­jek­te ähn­li­cher Aus­gren­zungs­me­cha­nis­men, die schreck­li­che Fol­gen für die Be­trof­fe­nen nach sich zie­hen. Bei einem exis­tie­ren­den sys­te­ma­ti­schen Aus­schluss be­sag­ter Men­schen in fast allen ge­sell­schaft­li­chen Be­rei­chen – von Aus­bil­dungs­kon­tex­ten über Ar­beit bis hin zur Frei­zeit – ist es nicht ver­wun­der­lich, dass auch hier das ein­zel­ne In­di­vi­du­um einer Viel­zahl von Dis­kri­mi­nie­rungs­for­men aus­ge­setzt ist.

Wir leben in einer ka­pi­ta­lis­ti­schen Ge­sell­schaft.
In die­sem Sys­tem muss die Min­der­heit (die Pro­duk­ti­ons­mit­tel­be­sit­zen­de), wel­che Ver­fü­gungs­ge­walt über und Ei­gen­tum an Ma­schi­nen, Roh­stof­fen, Grund und Boden und Ar­bei­ten­de hat, gna­den­los da­nach stre­ben mög­lichst viel Ka­pi­tal an­zu­häu­fen, d.h. zu ak­ku­mu­lie­ren. Um nicht im sys­tem­ei­ge­nen Kon­kur­renz­kampf zu un­ter­lie­gen, müs­sen sie die­ses Ka­pi­tal immer wie­der zu­kunfts­ori­en­tiert (zu­min­dest schein­bar) re­inves­tie­ren. Der für die Ka­pi­ta­l­ak­ku­mu­la­ti­on zu er­wirt­schaf­ten­de Pro­fit kann aber nur da­durch ge­ne­riert wer­den, dass Ar­bei­ten­de hem­mungs­los aus­ge­beu­tet wer­den: Nur die Ar­bei­ten­de kön­nen durch ihre Ar­beits­kraft ein Pro­dukt so her­stel­len, dass es auf dem Markt mit mehr Wert ver­kauft wer­den kann. Da die Pro­duk­ti­ons­mit­tel­be­sit­zen­de je­doch nach ihrem ei­ge­nen Pro­fit stre­ben müs­sen, ent­loh­nen sie ihre Ar­bei­ten­den nicht ge­mes­sen an die­sem durch sie ge­schaf­fe­nen Wert, son­dern mit deut­lich we­ni­ger. Stün­de aber al­lein den Ar­bei­ten­den der Erlös des durch sie ge­schaf­fe­nen Mehr­werts zu, wäre über­schüs­si­ger Pro­fit auf Basis men­schen­ver­ach­ten­der Aus­beu­tung nicht zu ge­ne­rie­ren und Ka­pi­ta­l­ak­ku­mu­la­ti­on da­durch un­mög­lich.

Die Krise von 2008, deren Aus­wir­kun­gen noch heute sicht­bar sind, zeigt die Wi­der­sprü­che, in die sich der Ka­pi­ta­lis­mus ver­wi­ckelt, deut­lich auf. Durch Über­pro­duk­ti­on ent­ste­hen Bla­sen, die zwangs­läu­fig ir­gend­wann plat­zen müs­sen und die den Welt­markt er­schüt­tern. Lei­den unter die­sen Um­stän­den müs­sen vor allem die Ar­bei­ten­den, Er­werbs­lo­sen, Rent­ner_in­nen, Men­schen in Aus­bil­dungs­ver­hält­nis­sen, etc. Mas­sen­ent­las­sun­gen und So­zi­al­kür­zun­gen sind Kon­se­quen­zen, die ge­zo­gen wer­den, um die Ver­lus­te auf diese Men­schen ab­zu­wäl­zen.

Der­art men­schen­ver­ach­ten­de Ver­su­che, ein Sys­tem zu Las­ten be­stimm­ter Men­schen­grup­pen zu ret­ten, leh­nen wir ab. Ge­nau­so, wie wir die Aus­beu­tungs­struk­tu­ren ab­leh­nen, die dem Ka­pi­ta­lis­mus in­ne­woh­nen. Es heißt, die Wur­zel des Pro­blems er­ken­nen: den Ka­pi­ta­lis­mus selbst. Es gilt also die­sen zu über­win­den, um mit einer frei­en Ge­sell­schaft ohne Pri­vat­ei­gen­tum an Pro­duk­ti­ons­mit­teln und ohne Aus­beu­tung einem mensch­li­chen Leben für alle ent­ge­gen­zu­ge­hen. In der Über­win­dung des Ka­pi­ta­lis­mus sehen wir auch die Mög­lich­keit jeg­li­cher Form der Dis­kri­mi­nie­rung und Aus­gren­zung einen ihrer Nähr­bö­den zu ent­zie­hen. Denn die­ses sind Pro­ble­me, die durch den Ka­pi­ta­lis­mus min­des­tens ver­stärkt wer­den, da das dem Ka­pi­ta­lis­mus in­ne­woh­nen­de, auf Ef­fi­zi­enz­stei­ge­rung ab­zie­len­de Se­lek­ti­ons­den­ken den Nähr­bo­den die­ser Dis­kri­mi­nie­rungs­for­men bil­det. Auch die­sen For­men der Dis­kri­mi­nie­rung und Aus­gren­zung gilt unser Kampf: im Ka­pi­ta­lis­mus aber auch nach sei­ner Über­win­dung – denn diese For­men men­schen­ver­ach­ten­den Den­kens und Han­delns tre­ten auch ohne ihn auf.

Wer sind wir?

Wir sind eine Grup­pe von Men­schen, die sich mit lin­ker Po­li­tik be­schäf­tigt und diese voran trei­ben will. Einer ein­heit­li­chen Theo­rie kön­nen und wol­len wir uns dabei nicht zu­ord­nen, da sich un­se­re Grup­pe aus ver­schie­de­nen Men­schen mit un­ter­schied­li­chen Mei­nun­gen, In­ter­es­sen­schwer­punk­ten und Er­fah­run­gen zu­sam­men­setzt. Al­ler­dings sind wir durch­aus nicht be­lie­big. Uns eint un­se­re Ab­leh­nung des be­ste­hen­den Wirt­schafts-​ und Ge­sell­schafts­sys­tems. Das Sys­tem, in dem wir leben, funk­tio­niert nach einer rein ka­pi­ta­lis­ti­schen Logik; es be­ruht auf dem Stre­ben nach Pro­fit­ma­xi­mie­rung und setzt Men­schen in stän­di­ge Kon­kur­renz zu­ein­an­der. Ein­ge­zwängt in der­art öko­no­mi­sche und so­zia­le Zwangs­ver­hält­nis­se re­pro­du­zie­ren sie aus Angst vor so­zia­lem Ab­stieg ein Sys­tem, das es zu über­win­den gilt und in dem wir nicht leben wol­len.
Die Ge­sell­schafts­form, die uns vor­schwebt, be­ruht auf un­se­rer Über­zeu­gung, dass Men­schen in so­li­da­ri­scher und re­spekt­vol­ler Weise zu­sam­men leben kön­nen. An­stel­le von bru­ta­lem Zwang zur Pro­fit­ma­xi­mie­rung set­zen wir die Uto­pie einer Ge­sell­schaft, die frei ist von Hier­ar­chi­en und so­zia­lem Aus­schluss, eine Ge­sell­schaft, in der be­dürf­nis­ori­en­tier­te Pro­duk­ti­on und ein so­li­da­ri­sches Mit­ein­an­der im Vor­der­grund ste­hen. Um eine sol­che Ge­sell­schafts­form zu er­mög­li­chen, ist ein lan­ger Kampf not­wen­dig, an des­sen Ende die Ab­schaf­fung des Ka­pi­ta­lis­mus und der Auf­bau einer be­frei­ten Ge­sell­schaft steht.
Dabei kann es nicht das Ziel sein, eine auf Zwang, Macht, Aus­schluss, Au­to­ri­tät und Kon­kur­renz ba­sie­ren­de Ge­sell­schafts­form durch eine ähn­li­che Ge­sell­schafts­form zu er­set­zen – wir su­chen eine Al­ter­na­ti­ve.

Wie ar­bei­ten wir?

Mit un­se­rer po­li­ti­schen Ar­beit ver­su­chen wir den Ka­pi­ta­lis­mus und seine de­sas­trö­se und le­bens­ver­ach­ten­de Logik an­zu­grei­fen und gleich­zei­tig Al­ter­na­ti­ven zu dis­ku­tie­ren und auf­zu­zei­gen. Das Ge­sell­schafts­bild, das uns für die Zu­kunft vor­schwebt, ver­su­chen wir im Hier und Jetzt so gut wie mög­lich zu leben. Das heißt für die Ar­beit un­se­rer Grup­pe, dass wir hier­ar­chi­sche Or­ga­ni­sa­tio­nen, wie Par­tei­en, grund­sätz­lich ab­leh­nen. Ent­schei­dun­gen fäl­len wir aus­schließ­lich nach dem Kon­sens­prin­zip. So ach­ten wir dar­auf, dass in un­se­rer Grup­pe von vorn­her­ein keine Hier­ar­chi­en ent­ste­hen. Als Grup­pen­struk­tur haben wir uns für das Kon­zept einer halb-​of­fe­nen Grup­pe ent­schie­den. Dies be­deu­tet für uns, dass wir keine öf­fent­li­chen Ple­nen durch­füh­ren, um so hohe Fluk­tua­ti­on zu ver­mei­den und kon­ti­nu­ier­li­che Ar­beit auf Ver­trau­ens­ba­sis zu er­mög­li­chen. Alle Men­schen je­doch, die Lust auf linke Po­li­tik haben und sich mit un­se­rer Ar­beits­wei­se iden­ti­fi­zie­ren kön­nen, sind bei uns herz­lich will­kom­men. Wenn auch ihr euch mit dem Sta­tus Quo un­se­rer Ge­sell­schaft nicht zu­frie­den geben wollt: Kommt zu un­se­rer VEB-​The­ke oder schreibt uns eine Mail!